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Die Darstellung der Engel in den
biblisch-religiösen Bildern
Marc Chagalls in der Beziehung
zur protestantischen Angelologie
Grundlage für Bildmeditationen
in der Gemeindearbeit
von
Hans-Joachim Köhler, Oberpfarrer i. R.
Teichel / Luisenthal / Ohrdruf / Zella-Mehlis

Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1.                    Die Schaffensperioden der biblisch-religiösen Themen im Lebenswerk Marc Chagalls
1.1.                 Die frühen Jahre
1.2.                 Der Auftrag von Ambroise Vollard
1.3.                 Die großen Kreuzigungsbilder
1.4.                 Die Zeit nach dem Krieg
1.5.                 Die Gemälde zur Bibel
1.6.                 Die Glasfenster
1.7.                 Keramikarbeiten


2.                   Das Problem der Durchdringung von Raum und Zeit in den Bildern Marc Chagalls
2.1.                Die Durchdringung von Raum und Zeit im Denken der Menschen
2.2.                Die Durchdringung von Raum und Zeit in den Bildern Marc Chagalls
3.                   Die Ikonographie in der Kunst Chagalls
3.1.                Ikonographische Zeichen in der Kunst
3.2.                Ikonographie und Zeichen in der Kunst Chagalls
3.2.1.             Die Ikonographie Chagalls ist geprägt durch seine jüdisch-chassidische Herkunft und Denkweise
3.2.1.1.          Sprichwörter und chassidische Frömmigkeit
3.2.1.2.          Deformation und Bewegung
3.2.1.3.          Bildaufbau durch die Hebräische Schrift
3.2.1.4.          Malen gegen das Gebot “Du sollst dir kein Bild machen“
3.2.2.             Die Ikonographie Chagalls ist geprägt durch die meditative Beschäftigung mit der Bibel
3.2.3.             Die Ikonographie Chagalls ist geprägt durch die russisch-orthodoxen Ikonen und damit der Farben,
                      Formen und Symbole in der mittelalterlichen Malerei
3.2.4.             Die Ikonographie Chagalls ist geprägt durch die Suche der modernen Malerei der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten
3.2.5.             Die Ikonographie Chagalls ist geprägt durch die Beschäftigung mit europäischen Malern
3.2.6.             Die Ikonographie Chagalls ist geprägt durch die eigene Auseinandersetzung mit dem Raum und dem Glauben, in dem seine Bilder geschaffen wurden
3.2.6.1.          Im jüdischen Bereich
3.2.6.2.          Im protestantischen Bereich
3.2.6.3.          Im katholischen Bereich
3.3.                Fazit
4.                  Der Ursprung der Engelsdarstellungen im Werk Chagalls
5.                  Die Engeldarstellungen in der „Message Biblique Marc Chagall“ als Durchdringung und  Überwindung der  Transzendenzsphäre Gottes
5.1.               Die Erschaffung des Menschen
5.2.               Das Paradies
5.3.               Die Vertreibung
5.4.               Noah und die Sintflut
5.5.               Noah und der Bogen am Himmel
5.6.               Abraham und die drei Engel
5.7.               Jakobs Traum von der Himmelsleiter
5.8.               Die Fesselung Isaaks
5.9.               Jakobs Kampf mit dem Engel
5.10.             Mose vor dem brennenden Dornbusch
5.11.             Mose erhält aus dem Felsen Wasser für das Volk
5.12.             Mose empfängt die Tafeln des Gesetzes
 
6.                 Engeldarstellungen in anderen Werken Chagalls
6.1.              Der Engelsturz
6.2.              In der Dämmerung
7.                 Die protestantische Angelologie
7.1.              Die biblische Grundlage
7.1.1.           Das Alte Testament
7.1.2.           Das Neue Testament
7.2.              In der Kirchengeschichte
7.2.1.           Im Apostolischen Bekenntnis
7.2.2.           Im Nicänum
7.2.3.           In der frühen Kirche
7.2.4.           Augustin
7.2.5.           Dionysius Areopagita
7.2.6.           Scholastik
7.3.              Reformation
7.4.              Friedrich Schleiermacher
7.5.              Das 20. Jahrhundert
7.5.1.           Volksfrömmigkeit
7.5.2.           Psychotherapie
7.5.3.           Protestantische Theologie
8.                 Schlussbetrachtungen
9.                 Literaturangaben
10.               Verzeichnis der Bilder


Vorwort
Weder das rationale Nachdenken der Theologen noch der Philosophen und schon gar nicht der Atheisten
konnten das Sein und Wirken der Engel bisher wegdiskutieren und wegrationalisieren. Unvermutet, wie die Engel selber, taucht das Interesse und Nachdenken über die Engel immer wieder auf. Dies geschieht in der Gemeindefrömmigkeit, in der Esoterik, in einer immer wieder neuen Mystik, aber auch in der ernstzunehmenden Psychotherapie.


Wir können als Theologen in einer Zeit, in der das Bild der Welt durch die Wissenschaft geprägt ist, nicht
einfach vorwissenschaftliche Weltbilder zurückholen. Darum steht die Theologie immer wieder vor der Aufgabe, den Glauben an Gott, dem Herrn der Welt, der ja selber nicht an das rationale Denken und das Wissen über das Bild dieser Welt gebunden ist, neu darzustellen.


Diese Arbeit versucht, der Themenstellung gemäß, über die künstlerische Herausforderung der Darstellung der Engel in den biblisch-religiösen Bildern Marc Chagalls die theologische Reflektion folgen zu lassen.
Diese Reihenfolge spiegelt auch die Motivation zu diesem Thema, die in der Folge zur theologischen
Auseinandersetzung mit den Engeln führte, wieder.


So wird als erstes der kunstphilosophische Aspekt der Durchdringung von Raum und Zeit mit dem Schwerpunkt der Engeldarstellungen, als eine der Formen Chagalls und dann der theologische Aspekt der protestantischen Angelologie untersucht. In den Schlussbetrachtungen werden dann die Ergebnisse beider Untersuchungen aufeinander bezogen.


Da Chagall meist nur Bilder zum Alten Testament malte, wird auf die Engeldarstellungen im Neuen Testament nur kurz eingegangen.


Hans-Joachim Köhler
 


1. Die Schaffensperioden der biblisch - religiösen Themen im Lebenswerk Marc Chagalls

  

Hier finden Sie ein Foto von Marc Chagall

 
Bei der Beschreibung der Bilder finden Sie auch Links zu dem jeweiligen genannten Bild. 

 


Lebenslauf
7. Juli 1887 in Witebsk/Weißrußland im Ghetto geboren
1906             nach Petersburg (Leningrad) zum Malstudium
1910             Studienaufenthalt in Paris
1914             von Paris Reise nach Berlin zur eigenen
                      Ausstellung im "Sturm", Weiterreise nach Witebsk
1915             Heirat mit Bella Rosenfeld
1918             Ernennung zum Kommissar für Kunstangelegenheiten
                      und Gründung einer Kunstakademie in Witebsk
1920             Übersiedlung nach Moskau;
                      Arbeit für das "Jüdische Theater"
1922             Aufenthalt in Berlin
                      Im Auftrag von Paul Cassierer entstehen die
                      Radierungen zur Autobiographie "Mein Leben"
1923             Übersiedlung nach Paris. Beginn des Illustrationswerkes
                     "Die toten Seelen" von Gogol im Auftrag von Vollard
1930             Reise nach Berlin zur Ausstellungseröffnung bei Flechtheim.
                      Auftrag von Vollard zu den Illustrationen zur Bibel
1931             Reise nach Palästina, Syrien und Ägypten zur Vorbereitung
1932             Reise in die Niederlande zur Begegnung mit Rembrandt.
                      Arbeit an den Bibelillustrationen bis 1956
1933             Öffentliche Verbrennung von Werken Chagalls in Mannheim
1941             Übersiedlung in die USA, auf Einladung des
                     "Museums of modern Art"
1944             stirbt Bella Chagall an einer unerkannten Virusgrippe
1948             Rückkehr nach Frankreich
1950             Keramische Arbeiten und Skulpturen mit biblischen Motiven
1956             erscheint "La Bible" mit 30 Lithographien bei Verve
1957             werden die Radierungen zur Bibel bei Térida herausgegeben;
                      in Haifa wird ein Chagall-Museum eröffnet;
                      Glasfenster für die Kirche in Assy
1959             Erster Aufenthalt in Reims am Atelier für Glasmalerei, wo in Zusammenarbeit mit Charles
                      Marq
künftig Chagalls Glasfenster gestaltet werden
1959-1962  12 Fenster für die Synagoge der Hadassah-Klinik
                      bei Jerusalem, Reise nach Jerusalem zur Einweihung
1960-1968  Fenster für die Kathedrale von Metz
1964             Wandteppiche für die Halle der Knesseth in Jerusalem
1964-1967  Fenster für die Rockefeller-Kapelle in New York
1966             erscheinen 24 Lithographien "Der Auszug aus Ägypten"
1969             Gründung des Musée National Message Biblique in Nizza
1969-1970  Glasfenster für das Fraumünster in Zürich
1971             Chagall stiftet dem Moskauer Museum der Bildenden Künste
                      60 Lithografien
1972             Mosaik "Prophet Elias" für Nizza
1973             Reise nach Moskau und Leningrad
                      Wandteppich für Milwaukee "Der Prophet Jeremia"
1973-1974  Glasfenster für die Kathedrale in Reims
1976-1978  Mittelfenster St. Stephan in Mainz
1978-1979  Flankierende Seitenfenster St. Stefan in Mainz
1980-1981 Seitliche Fenster des Ostchores (3 Stück) Mainz
1982-1984  Drei große dreibahnige Fenster im Querhaus, St. Stephan in Mainz
28. März 1985 stirbt Marc Chagall in Saint Paul bei Vence in Südfrankreich.

 

Hier ein Link zu Marc Chagalls  Grabplatte

1.1. Die frühen Jahre
Schon 1909 malt Chagall als junger Mann die Vorlage für sein erstes Kreuzigungsbild, das er dann 1912 in kubistischer Manier ausführt und GOLGOTHA nennt. Sicher ist dies nur ein erster Versuch. Als Figur befindet sich auf diesem Bild Christus als Kind, das aus dem Himmel herabschwebt; nur im Hintergrund ist ganz schwach ein Kreuz angedeutet. Links vom Kreuz steht ein großer fragender Jude, der das Kind aufzufangen scheint. Ist es Johannes der Täufer oder Josef als Repräsentant des jüdischen Volkes? Diese Frage kann nicht einfach geklärt werden. Bei Chagall kann beides gemeint sein. Rechts vom Kreuz steht Maria, die als nährende Madonna ihre linke Brust dem Kinde hinhält. Die irdische Sphäre wird durch einen blauen Fluss mit gelb-schwarzen Licht- und Schattenzonen von der himmlischen Sphäre getrennt, auf dem ein Fährmann mit dem Boot fährt. Hier wird schon die Durchdringung der Transzendenzsphäre Gottes dargestellt, die Chagall später noch stark beschäftigen wird.


Ein Gnom trägt eine Leiter an dem rechten Rand aus dem Bild heraus - oder trägt er die Leiter herein? Der verdrehte Körper lässt keine eindeutige Entscheidung zu - aber auch dies wird Chagall später wieder weiter ausbauen.


Die äußere kubistische Form des Bildes wird Chagall später nicht mehr übernehmen, aber die Figuren treten in vielfältigen Formen immer wieder auf.


In diese erste Phase des biblisch-religiösen Wirkens fällt auch das Bild HOMAGE  à  APOLLINAIRE, in dem er Adam und Eva wie die Zeiger einer Uhr erscheinen lässt und so darstellen kann, wie Eva aus der Rippe Adams wurde. Er findet so eine bildnerische Möglichkeit, die Einheit von Mann und Frau in der Zweisamkeit darzustellen, die auch als „Einung“ (ein Zentralbegriff der chassidischen Lehre) zwischen Gott und den Menschen, so wie im Hohenlied, gesehen wird.[1]


Chagall sucht hier ein weiteres Mittel, um die Durchdringung von Sein und Übersein, von Zeit und Ewigkeit, von der Welt der Menschen und der Welt Gottes darzustellen. Auch dieses Motiv wird ihn noch ein Leben lang beschäftigen.

 

Hier ein Link zu Bildern Marc Chagalls vom  HOHEN LIED DER LIEBE.

 


1.2. Der Auftrag von Ambroise Vollard
1930 bekommt Chagall von dem Pariser Kunsthändler Ambroise Vollard den Auftrag „Illustrationen zur Bibel“ zu malen. Er bereitet sich auf dieses Thema vor, indem er 1931 nach Palästina, Syrien und Ägypten an die Stätten des biblischen Geschehens reist. 1932 bereist er die Niederlande, um die Bilder von Rembrandt zu studieren.


Zu dieser Zeit entstehen dann die ersten Radierungen zur Bibel, meist Bilder aus dem jüdischen Teil, dem christlichen Alten Testament.


1.3. Die großen KREUZIUNGSBILDER
In der Zeit der Verfolgungen der Juden durch Adolf Hitler und die Nationalsozialisten schuf Chagall die großen Kreuzigungsbilder. In der WEISSEN KREUZIGUNG von 1938 malt er die Schrecken der Verfolgung der Juden und die Zerstörung der Synagogen. Christus ist hier kein von den Juden gepeinigter und von ihnen der staatlichen römischen Macht übergebener Gotteslästerer, sondern der leidende Gottesknecht aus
Jes 53, der am Kreuz durch die Titulatur „I.N.R.I.“ als der König der Juden bezeichnet ist, aber das Leiden des ganzen Judenvolkes symbolisiert.[2]


Der Gekreuzigte hat hier den Gebetsmantel, den Tallit, um die Hüften gewickelt, darauf anspielend, dass Jesus am Kreuz aus den Psalmen[3] gebetet hat.


In der GELBEN KREUZIGUNG von 1943 ist der Gekreuzigte nun ganz als Jude dargestellt, der den Tallit, die Tephillah, die Gebetskapsel auf der Stirn und die Tephillin, die Gebetsriemen an den Armen trägt. Ein schofarblasender Engel weist auf die geöffnete Thora-Rolle hin.


1.4. Die Zeit nach dem Krieg
Chagall arbeitet von 1952 - 1956 wieder verstärkt an den Grafiken zur Bibel. 1956 erscheinen im Verlag Revue Verve BIBLE mit „105 Schwarzweißradierungen und 18 Farb- sowie fünf Schwarz-Weiß-Lithographien, (Hrsg. Tériade)“ und 1960 DESSINS POUR LA BIBLE, 96 Schwarz-Weiß- Zeichnungen und 25 Farblithographien“[4] im gleichen Verlag mit dem gleichen Herausgeber.


1966 erscheint THE STORRY OF THE EXODUS mit 24 Farblithographien, in Paris bei Fernand Mourlot gedruckt und von Leon Amiél, Paris - New York herausgegeben.
1979 erscheinen PSAUMES DE DAVID mit 32 Radierungen in Genf.

1.5. Die Gemälde zur Bibel
Neben den Radierungen, Zeichnungen und Lithographien im kleinen Format hat Chagall eigentlich für die kleine Kapelle bei Vence „Chapelle du Calvaire“ die Grafiken zur Bibel von 1954 - 1967 in große Ölgemälde umgesetzt.


In diese Ölgemälde hat er nun nach dem Vorbild Rembrandts und anderer Maler viele einzelne Szenen in eine Beziehung zum großen Thema des einzelnen Bildes und der gesamten Bilder gesetzt. Die kleinen Grafiken werden nun zusammengesetzt, verändert und neu interpretiert. 1973 erscheinen dann in Nizza die 12 Bilder zur Thora, fünf Bilder zum Hohenlied und 205 Vorstudien zu diesen 17 Ölbildern unter dem Titel:
MESSAGE BIBLIQUE MARC CHAGALL.


1.6. Die Glasfenster

Nach den kleinformatigen Grafiken und den größeren grafisch erweiterten Gemälden wurde an Chagall der Wunsch herangetragen, großformatige Fenster in Kirchen, Synagogen und anderen öffentlichen Häusern zu gestalten.


Chagall hat diese Herausforderung gerne angenommen und nach 1957, der Fertigstellung der Fenster für die Kirche von Assy, in Zusammenarbeit mit Charles Marc und seinem Glas-Atelier in Reims weitere große Glasfenster in der Synagoge der Hadassah-Klinik in Jerusalem, der Kathedrale von Metz, der Rockefeller-Kapelle in New York, dem Fraumünster in Zürich, der Kathedrale von Reims und als letztes großes Werk die Fenster in St. Stephan in Mainz gestaltet.


1.7. Keramikarbeiten

Seit 1947 hat er auch Keramikarbeiten geschaffen.
So hat er für das Museum in Nizza, in dem seine großen Bilder der MESSAGE BIBLIQUE MARC CHAGALL ausgestellt werden, auch eine großformatige Keramikwand mit biblischen Themen gestaltet.

 


2. Das Problem der Durchdringung von Raum und Zeit in den Bildern Marc Chagalls 

Chagall hat schon in seinen frühen Bildern ein Durchdringen von Heute und Gestern, von Sein und Wollen, von Raum und Zeit gemalt. Die Engel sind nur eine dieser Darstellungsmöglichkeiten, aber wir wollen sie in diesem Kontext entdecken.


2.1. Die Durchdringung von Raum und Zeit im Denken der Menschen
Menschen können mit ihren Gedanken Raum und Zeit durchdenken. Sie können aus dem Zeitpunkt des Entstehen ihres Gedankens hindurchdringen in die Vergangenheit, in die Zukunft und wieder zurück in die Zeit ihrer Entstehung, die Gegenwart. Sie können aber auch in das innerste Sein ihrer Entstehung denken und über ihre eigene Existenz hinaus in Seinsweisen vorstoßen, die der Logik von Gedanken entgegenstehen. Sie durchdenken damit Raum und Zeit und schaffen eine Grundlage für Gefühle und Erfahrungen. Um solche Gedanken für andere sichtbar und verstehbar zu machen, verwenden wir Menschen optische und akustische Zeichen und Bilder der Malerei, der Sprache, der Musik..., also der verschiedensten Künste, die aus unserer Erfahrungswelt stammen. Wir verbinden sie mit anderen erfahrbaren Bildern und können damit neue Bilder der Erfahrung schaffen. Die Poesie eines Zeichens besteht in der neuen Verbindung zweier ganz verschiedener Zeichen, die bisher noch nicht zusammengedacht werden konnten. Das schafft den weiteren Anreiz zu neuem Denken und Gestalten.
 

2.2. Die Durchdringung von Raum und Zeit in den Bildern Marc Chagalls
Marc Chagall suchte, wie alle Künstler, die Bilder und Zeichen, die seinem Gefühl, seiner Erfahrung, seinem Glauben und seinen Ausdrucksmöglichkeiten entsprachen. Er fand und entwickelte sie in immer neuen Variationen, ohne sich sklavisch an die einmal gefundene Form halten zu müssen.


In seinen Bildern lösen sich die Gegenstände aus der Erdenschwere, der Anziehungskraft der Erde. Schlitten ziehen ihre Bahn in den Wolken, Bettler gehen über die Häuser von Witebsk hinweg, ein Fiedler geigt auf dem Dach. Menschen sind „außer-sich“. Sie sind durch Freude, Leid oder Leidenschaft aus ihrem körperlich-anatomischen Zustand „ent-rückt“, „ver-rückt“, „ver-dreht“. Der Kopf will etwas anderes als der Körper; so im Bild DER TRINKER. Die Liebe lässt den Körper aus dem Bett in den Raum oder gar aus dem Haus über die Dinge dieser Welt schweben. Raum und Zeit werden bei den Bildern Marc Chagalls aufgehoben, um innere seelische, geistige, spirituelle Zustände darstellen zu können.


In diese Durchdringung von Raum und Zeit spielt auch die Darstellung der Engel in den Grafiken und Lithographien zur Bibel, den Bildern der MESSAGE BIBLIQUE MARC CHAGALL, den Glasfenstern und in Chagalls anderen Bildern eine große Rolle. Sie zeigen eine erfahrbare Wirklichkeit die mit naturalistischen Darstellungsweisen nicht oder nur ungenügend erfassbar gemacht werden kann.


Marc Chagall hat nun eine spirituelle Engelerfahrung von 1910[5] als Bildzeichen für die Durchdringung von Raum und Zeit genommen. Er hat sie nicht nur in seinen Bildern der MESSAGE BIBLIQUE MARC CHAGALL, in den graphischen Vorarbeiten und den darauf folgenden Glasmalereien und Mosaiken, in Kirchen, Kunsthallen und anderen offiziellen Räumen genutzt. Er hat sie auch in seinen ganz „profanen“ weltlichen Bildern eingesetzt, weil er aus seiner chassidischen Frömmigkeit heraus gar nicht die Trennung von geistlichen und profanen Bildinhalten kennt. So kann er die Künstler und Bettler, ob sie nun Musik machen wie der FIEDLER AUF DEM DACH von 1912/13 oder als Jongleure auftreten, wie DER JONGLEUR von 1943 oder als Bettler über die Stadt gehen, wie in ÜBER WITEBSK von 1914/1926 und vielen anderen Bildern, genauso wie Engel die Dimension von Raum und Zeit durchdringen lassen.


3. Die Ikonographie in der Kunst Chagalls
Will man ein Bild Chagalls für den Verstand begreifbar machen (wogegen sich Chagall sehr wehren würde!), kann man nur seine Zeichen und Symbole suchen und vergleichen, wie er sie auch auf anderen Bildern verwendete. Da er die gleichen Motive von seinen Grafiken und Gouachen auch auf seinen Ölgemälden und Glasfenstern verwendete, sie aber thematisch und stilistisch variierte, lassen sich von diesen Vergleichen Rückschlüsse und Deutungen ableiten.


Chagall ist ein Meister der Farbe und der Symbole, aber er ist kein Symbolist, der die Symbole eindeutig und nur so verwendet, wie er sie einmal entwickelt hat. Obwohl er Symbole liebt, sagt er: „Symbole darf man nicht wollen, zu Symbolen muss man kommen. Symbole dürfen kein Fremdkörper in einem Bild sein, sondern müssen sich natürlich, selbstverständlich, einfach dazugehörig aus einem Bild ergeben.“[6] So verwendet er die Symbole vieldeutig, in immer neuen Variationen, mit immer neuen Einfällen und Aussagemöglichkeiten. So will er mit seinen Zeichen und Symbolen in immer neue tiefere Schichten des menschlichen Daseins eindringen. Er will über das natürliche Leben hinausweisen. Er will hinter unsere menschlich-natürliche Daseinsform schauen, und er will diese Sicht mit seinen künstlerischen Mitteln gestalten.


3.1. Ikonographische Zeichen in der Kunst
Kunst in jeder Form, ob sie nun

´Gestaltende Kunst´ wie z.B. Malerei, Bildhauerei, Architektur, Gebrauchsgrafik... usw.
oder ´Darstellende Kunst´, wie z.B. Theater, Kabarett, Puppenspiel, Tanz, Ballett, Eiskunstlauf...usw.
oder ´Darbietende Kunst´ wie z.B. Musik, Literatur- und Lyrikvorlesungen...usw.,

oder ´Anbetende Kunst´ wie Liturgie ist, (Liturgie ist so gesehen eine Kunst, die Spiritualität in Proskynese, geistliches Erleben in geistliches Leben und Anbetung umsetzt)[7]

will die Gedanken, Aussagen, Empfindungen, Gefühle der Menschen in Zeichen umsetzen.


Kunst in jeder Form will herausfordern Stellung zu nehmen, will aufrütteln, will neue Sicht und Verhaltensweisen darstellen; sie will einem bestimmten Lebensgefühl Raum geben; sie will auch spirituelles Erleben sichtbar machen.“ [8] Diese Zeichen können, durch ihre Konzentration auf das Wesentliche, viel mehr über das Wesen eines Dinges, einer Sache oder einer Person aussagen, als dies die möglichst naturgetreue Abbildung kann. „Schon Hegel charakterisierte in seinen Vorlesungen über die Ästhetik das Wesen der Nachahmung sehr treffend: ´Im Ganzen ist aber überhaupt zu sagen, dass bei bloßer Nachahmung die Kunst im Wettstreit mit der Natur nicht wird bestehen können... Der Zweck der Kunst muss deshalb noch in etwas anderem... liegen´...“[9]


3.2. Ikonographie und Zeichen in der Kunst Chagalls
Wir wollen diesen „Zweck der Kunst“ an den Bildern Chagalls mit der besonderen Zielsetzung der Durchdringung von Raum und Zeit durch die Engeldarstellungen untersuchen. Vorher aber ist es nötig, die verschiedensten Prägungen, die auf Chagalls Ikonographie und Zeichen eingewirkt haben, zu untersuchen.


3.2.1. Die Ikonographie Chagalls ist geprägt durch seine jüdisch-chassidische Herkunft und Denkweise

Marc Chagall ist in einem frommen jüdisch-chassidischen Elternhaus aufgewachsen. In seinem Buch MEIN LEBEN hat er Einzelheiten aus seiner Kindheit aufgeschrieben. So ist es nur natürlich, wenn diese Erlebnisse und Erfahrungen auch in seinen Bildern eine Verarbeitung gefunden haben.


3.2.1.1. Sprichwörter und chassidische Volksfrömmigkeit
Die jüdisch-chassidische Denkweise Marc Chagalls zeigt sich in den Zeichen und Symbolen, die er nutzt. Da sind nicht nur jiddische Sprichwörter, die Chagall zu Bildthemen anregten z.B. "Der Hausierer geht über die Stadt" - dies bedeutet, er handelt mit seinen Waren in der Stadt.[10] Bei Chagall wird solch ein Ausspruch nun auch zum Zeichen, dass die Menschen mit ihren Gedanken, Wünschen, Gefühlen über der Stadt schweben und so eine andere Daseinsform erleben. Dieser "über die Stadt gehende Hausierer“ wird nun auch zum Zeichen als der „ewig wandernde Jude Ahasver“ oder nach neueren Angaben[11] "der ewig wandernde Elia“, der über die Zeit und über die Geschichte hinweg auf der von Abraham begonnenen ewigen Wanderschaft weitergeht. Chagall nimmt so aus dem Alltagsleben und der chassidischen Volksfrömmigkeit seine Zeichen und füllt sie mit neuen Inhalten.


Der DER WANDERNDE JUDE wird so zu einem Zeichen, das über Raum und Zeit hinweg die verstreuten Juden in ihrer Diaspora verbindet. Damit hat Chagall wieder eine Möglichkeit gefunden, Raum und Zeit zu überwinden. Ein anderes Zeichen ist die Fiedel, die nicht nur der FIEDLER AUF DEM DACH spielt. Sie findet sich auch auf vielen anderen Bildern Chagalls. Die Musik, wie die Kunst überhaupt, wird so zu einem Zeichen der Überwindung der Transzendenz, da sie nach chassidischer Lehre von Gott inspiriert ist. Der „enthusiastische Musiker“ wirkt so an der Erlösung des Menschen mit. [12]


3.2.1.2. Deformation und Bewegung
Diese jüdisch-chassidische Denkweise zeigt sich aber auch in den Deformationen und Bewegungen seiner Figuren. Chagall hat sich um den formalen Bildaufbau und die Bewegungen seiner Figuren sehr viele Gedanken gemacht. Er hat sehr viel experimentiert. So hat er seit den Jahren um 1920 viele Bilder nach den hebräischen Buchstaben aufgebaut und seinen Figuren manche für uns anatomisch falsch wirkende Bewegungen den hebräischen Buchstaben nachempfunden.[13]


3.2.1.3. Bildaufbau durch die Hebräische Schrift

Diese jüdisch-chassidisch-hebräische Denkweise wirkt sich nun auch auf den formalen Bildaufbau seiner Bilder aus. Während wir von unserer europäischen Schreibweise her die Bilder von links unten nach rechts oben betrachten, ist der Bildaufbau bei Chagall durch die hebräische Schrift von rechts nach links geprägt. Diese andere Betrachtungsweise verwirrt uns Europäer, deshalb wirken die Bilder Chagalls auf uns auch vom formalen Aufbau her so indifferent. Während in unserer Bildbetrachtung die Zukunft meist in der rechten oberen Ecke dargestellt wird, kann man bei den Bildern Chagalls beobachten, dass die Zone für das Reich Gottes, die Ewigkeit, in der linken oberen Ecke dargestellt wird. Aus dieser Richtung kommen meist die Engel oder sie fliegen wieder dahin, wie bei der Grafik DIE ERSCHAFFUNG DES MENSCHEN. Wenn, wie im PARADIES, der Engel rechts oben dargestellt ist oder in MOSES EMPFÄNGT DIE TAFELN DES GESETZES Jahwe aus einer verbergenden Wolke die Gesetzestafeln von der rechten oberen Ecke aus reicht, hat dies seine besondere Bedeutung: Gott ist dann dem Menschen ganz nahe!


3.2.1.4. Malen gegen das Gebot „Du sollst dir kein Bild machen“
Die jüdisch-chassidische Denkweise hat in der Entwicklung der jüdischen Malweise aber auch eine besondere Form der Malerei hervorgebracht. Bekanntlich besteht im ursprünglichen 2. Gebot (siehe Ex 20,4; Dtn 5,8) "Du sollst dir kein plastisches Bild machen, und zwar irgend ein Abbild von etwas, was droben im Himmel oder was drunten auf der Erde oder was im Wasser unter der Erde ist"[14].


Das führte im Judentum soweit, dass man sich auch kein Bild von dem Geschöpf Gottes, dem Menschen, machen sollte. Dies spielt in der Entwicklung der Malweise Chagalls (und seiner jüdischen Malerkollegen) eine besondere Rolle, da er sich ja über dieses Gebot hinwegsetzen musste, um seine Neigung zum Malen nicht zu verdrängen. Er wich, wie die jüdischen Maler vor ihm, auf den zeichenhaft-formalen Ausdruck der Malerei aus.


So spielt in seiner Malerei nicht das möglichst naturgetreue Abbilden der Umwelt eine Rolle, sondern viel stärker das Umsetzen der Umwelt in Zeichen und Symbole.


Nach Ex 36,8 ; 37, 7-9 Par. Ex 25, 18-20 galt dieses Verbot allerdings nicht für die Darstellung von Kerubim, denn sie sollen ausdrücklich auf dem Gnadenthron gestaltet werden. Nun geht Chagall aber über das formale Malen der jüdischen Maler vor ihm hinaus. Er sucht neue Techniken, Inhalte, Aufbauten, Ausdrucksweisen und Zeichen für seine Bilder.


3.2.2. Die Ikonographie Chagalls ist geprägt durch die meditative Beschäftigung mit der Bibel
Chagall sagt von sich bei der Eröffnungsrede des Musée national MESSAGE BIBLIQUE MARC CHAGALL:
„Seit meiner frühesten Jugend bin ich von der Bibel gefesselt gewesen. Es schien mir immer, und es scheint mir immer noch, dass sie seit jeher die größte Quelle aller Poesie ist. Seither versuche ich, diesen Glanz in Leben und Kunst wiederzufinden. Die Bibel ist wie ein Echo der Natur, und dieses Geheimnis habe ich versucht weiterzugeben.“[15]


Wie ernst er den Auftrag Vollards genommen hat, zeigen die vielen Grafiken und Lithografien zur Bibel und die über 200 vorbereitenden Skizzen für die Bilder der Biblischen Botschaft.


So hat er sich auch lesend, nachdenkend, meditierend mit der Bibel auseinandergesetzt. Er hat Zeichen gesucht, die seine biblischen Bilder von anderen unterscheidbar machen, die nicht die äußere illustrative Darstellung, sondern das innerste religiöse Erleben sichtbar machen sollten.


Diese Beschäftigung mit der Bibel hat sich nun auch auf die Zeichen seiner „profanen Bilder“ ausgewirkt.


3.2.3. Die Ikonographie Chagalls ist geprägt durch die russisch-orthodoxen Ikonen und damit der Farben, Formen und Symbole in der mittelalterlichen Malerei.

Die russisch-orthodoxen Ikonen sind durch eine Schlichtheit der Ausdrucksformen und durch eine immer weiter überlieferte Ikonographie der Farben, Formen und Symbole geprägt. Sie tragen durch ihre Verwendung in der „heiligen Liturgie“ Farben, Formen und Symbole weiter, die im Mittelalter Allgemeingut des „christlichen Abendlandes“ waren.


Chagall nimmt diese Schlichtheit der Farben, Formen und Symbole auf, ohne sie zu imitieren. Er variiert sie vielmehr und passt sie der jeweiligen Bild- und Formensprache an. So übernimmt er die Farben, die in der Bibel zum Bau der Stiftshütte[16], zum Priesterschurz und zur Brusttasche mit den 12 Edelsteinen[17] genannt werden und verarbeitet sie zu seiner Farbigkeit. Ja, seine Bilder spiegeln die genannten Edelsteine in ihrer Leuchtkraft wider.


Diese Farben wurden schon im frühen Judentum, in der russisch-orthodoxen Ikonenmalerei und auch in der christlichen Malerei des Mittelalters übernommen und haben als Symbole und Zeichen eine besondere Bedeutung zugesprochen bekommen. Diese Farbsymbolik übernimmt Chagall, variiert sie und baut sie in seine Ausdruckmöglichkeiten ein.[18]


3.2.4. Die Ikonographie Chagalls ist geprägt durch die Suche der modernen Malerei der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten.

Die moderne Malerei an der Wende zum 20. Jahrhundert suchte nach weiteren Möglichkeiten, um Bildern tiefere Dimensionen des Ausdrucks zu geben. Der Impressionismus versuchte, in der Natur gesehene Bilder aus dem gerade erlebten Eindruck wiederzugeben. Der Expressionismus versuchte den Ausdruck in der Bild-, Farb- und Formensprache des Bildes zu überhöhen. Chagall hat von diesen Versuchen profitiert und hat selber neue Impulse dazu gegeben. Diese Dimensionen waren ihm aber noch nicht genug. Er versuchte übernaturalistische (Chagall nannte sie „supranaturalistisch"!) Ausdrucksweisen zu finden und in seinen Bildern zu gestalten. Er versuchte damit, innerpsychisch-seelisch-spirituelle Vorgänge sichtbar zu machen. Dies wird z.B. deutlich in dem Bild DER JUDE IN GRÜN von 1914, in dem er dem Juden ein grünes Gesicht mit gelbem Bart gibt. Er kann damit eine von der chassidischen Frömmigkeit geforderte Ekstase, einen Enthusiasmus und eine Verklärung darstellen, die den menschlichen Körper in einer Einung mit der himmlischen Welt zeigt. Er hat so sein „enthusiasmiertes Grün“[19] gefunden.


3.2.5. Die Ikonographie Chagalls ist geprägt durch die Beschäftigung mit europäischen Malern.

Chagall hat in seiner frühen Zeit, als er von 1910 - 1914 in Paris war, intensiv die Galerien und Ausstellungen besucht. Zur Vorbereitung seiner Arbeiten für die Bibel hat er die Bilder Rembrandts studiert. Im Prospekt des „Musée national Message Biblique Marc Chagall“ schreibt Sylvie Forestier:[20]Die Platten, die teils Kopien der Gouache-Zeichnungen vom Jahre 1931 sind oder direkte Kreationen auf der Kupferplatte, beweisen, wie kunstvoll Chagall mit Schwarz und Weiß umzugehen versteht. Er ist ein wahrer Meister der ´hell-dunkel´-Arbeiten. Die Bibelarbeiten Chagalls stehen in direkter Linie zu denen von Rembrandt.“


3.2.6. Die Ikonographie Chagalls ist geprägt durch die eigene Auseinandersetzung mit dem Raum und dem Glauben, in dem seine Bilder geschaffen wurden.
Chagall hatte eigentlich immer die Freiheit, in den Gebäuden, in denen er Fenster mit biblischen Motiven schuf, seine Ideen zu verwirklichen. Er hat aber immer auch mit den betreffenden Personen über seine Ideen und Entwürfe gesprochen. Er hat sich den Raum und die Funktion der Bilder und Fenster vorgestellt. So hat er die Bilder der MESSAGE BIBLIQE MARC CHAGALL im Format und Aussage für eine kleine Kapelle mit ihrer Sakristei in der Nähe von Vence gestaltet (Siehe Kapitel 1.5. „Die Gemälde zur Bibel“) . Von der Stephanskirche in Mainz hat er sich z.B. eine Videokassette durch das ZDF herstellen lassen, weil er selber nicht mehr die Kirche anschauen konnte. [21] So passt er seine Gesamtschau des biblischen Geschehens und seine ikonographische Gestaltung dem Raum und den Glaubensschwerpunkten des Ortes an. Wir wollen dies an drei Beispielen belegen.


3.2.6.1. Im jüdischen Bereich
Von 1959-1962 hat er für die jüdische Synagoge der Hadassah-Klinik in Jerusalem 12 große Fenster geschaffen. Diese Fenster nutzt er für die Darstellung der 12 Söhne Jakobs und damit der 12 Stämme Israels. Da nach dem 2. Gebot aus Ex 20,4 und Dtn 5,8 der Fromme sich kein Bild von Gott und dem Menschen machen soll, hat Chagall kein anthropomorphes Zeichen außer der Hände Jahwes in den Bildern Judas und Isaschars, die zur standardmäßigen jüdischen Ikonographie auf Grabsteinen usw. gehören, gemalt. Im Bild Josefs nutzt er ein paar Hände, die das Schofar blasen. Hier könnte eine angedeutete Engeldarstellung vorhanden sein. Er verzichtet sonst in diesen Fenstern auf jede Darstellung von Engeln. Dies steht im Gegensatz zu unserem Wissen zur früh-jüdischen und zur jüdisch-chassidischen Tradition, in der die Engellehre eine breite Grundlage hatte. Er geht hier ganz auf die jüdisch orthodoxe Bildauffassung und Darstellung ein. Wir sehen DAS FENSTER JOSEFS


3.2.6.2. Im protestantischen Bereich
Im protestantischen Bereich hat Chagall von 1969 -1970 in Zürich für die Kirche Fraumünster fünf Fenster geschaffen, in denen die Durchdringung von Raum und Zeit mit vielen himmlischen Wesen und Visionen dargestellt wird. In zwei blauen Fenstern hat Chagall einmal den Traum Jakobs von der Himmelsleiter (Gen 28,10 ff) und im anderen Fenster die prophetische Schau Jesajas gestaltet. Jesaja sieht, von der Vision seiner Berufung (Jes 6) aus, das messianische Friedensreich (Jes 11), den „Ebed JHWH“ den leidenden Gottesknecht (Jes 52-53). Chagall verbindet dieses Thema mit Mose, der als Gegenpol die Gesetzestafeln dem Volk vorhält. So kann Chagall in diesem Fenster, in der Spannung von Gesetz und Propheten, die Schau von der Verstockung und dem leidenden Gottesvolk als „Ebed JHWH“ und das kommende Friedensreich gestalten. Jesaja wird so in die Schau des Jakobs von der Himmelsleiter mit hinein genommen als irdischer „mal`ak JHWH“[22], der seinen Auftrag von dem himmlischen mal`ak JHWH, einem Seraph, bekommt (Jes 6).


Auch die beiden anderen Fenster sind von der Durchdringung von Raum, Zeit und Ewigkeit gestaltet. Die Richtung, aus der die Durchdringung von Raum und Zeit geschieht, ist immer von Jahwe her, aus seinem Raum, aus seiner Ewigkeit. Er durchbricht die Grenze zwischen Ewigkeit und Zeit; er lässt Jakob im Traum die Transzendenzsphäre mit den Engeln überwinden; er gibt Mose die Gebote; er lässt Elia in den Himmel fahren; er lässt David durch die Kunst des Harfespielens den „kabod JHWH“  und damit die „himmlische Melodie“ entdecken (siehe Anmerkung 12); er lässt Jesaja den leidenden Gottesknecht und das ewige Friedensreich sehen; er schickt den Messias über die begrenzende Transzendenz-Sphäre, um den Menschen zu erlösen, und ihn in das himmlische Reich gelangen zu lassen.

 

Da ist das in lichtdurchflutetem Orange gestaltete Prophetenfenster, in dem unten Elisa die Himmelfahrt des Elia (2 Kön 2,11), die Speisung durch die Raben (1 Kön 17, 4-6) und Gott als Schöpfer sieht. Und da ist das goldgelb gestaltete Zionsfenster, das Chagall nun eindeutig nach Offenbarung 21 gestaltet hat, indem er das himmlische Jerusalem mit dem irdischen Jerusalem verbindet. David spielt im unteren Teil die Harfe, Bathseba hört ihm zu. Sie beide haben die „himmlische Melodie“ gefunden, sie sind in der Einung von Lied, Liebe und Licht in die Einung des himmlischen und des irdischen Jerusalems mit eingebunden. Das Fenster drückt durch seine Farbe den „Kabod JHWH“, den Glanz, die Lichtherrlichkeit Gottes aus, in der das Licht nicht von den dargestellten himmlischen Gestirnen Sonne und Mond ausgeht, sondern sie in den Lichtglanz mit hinein nimmt. Ein Engel bläst das Schofar, das Zeichen für den Neuanfang.


Durch die eindeutige Darstellung der Offenbarung sind die bisher bekannten Zeichen und meditativen Durchdringungen Chagalls in ein neues Stadium getreten. Hier nimmt er nun unzweifelhaft Stellung zu einem neutestamentlichen Text. Aber Chagall geht noch weiter. Alle Figuren sind dem Mittelfenster zugewandt und weisen so auf das zentrale Zeichen des Gekreuzigten. Aber der Gekreuzigte ist nicht der gemarterte Christus. Es ist der Erhöhte, der die Psalmen des alten Bundes betet, dargestellt durch den um die Hüften geschlungenen Tallit. Chagall stellt auch hier den Gekreuzigten sehr vielschichtig dar. In Zürich ist nun der Gekreuzigte auch der Auferstehende. Wir sehen dies sehr deutlich in der
MAQUETTE DER KIRCHENFENSTER FRAUMÜNSTER IN ZÜRICH.


Es ist das einzige Bild, das ich kenne, in dem der Gekreuzigte mit seinem Arm so weit über das Kreuz hinausragt, dass damit ein Auferstehungszeichen gegeben ist. Später, in der St. Stephanskirche in Mainz, hat er wieder den Arm des Gekreuzigten über das Kreuz hinaus reichen lassen, aber das Zeichen der Auferstehung ist deutlich zurückgenommen. Der Gekreuzigte in Zürich ist auch der verklärte Christus, der den Jüngern auf einem Berg erschien:[23]Und er ward verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia.(Mt 17, 2-3)


   - Auf diese Verklärung deuten in den dargestellten Fenstern Elia und Mose, die den Jüngern mit Jesu erschienen.


   - Auf diese Verklärung deutet die „lichte Wolke“, aus der die Stimme kam: “Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ Chagall hat diese Wolke sehr verhalten mit einem versteckten „Doppel-Jod“ יי in der Form von Sonne und doppeltem Mond als Abkürzung für Jahwe[24] mit einem Engel darin gemalt.


   - Auf diese Verklärung deutet die Gloriole mit den ausstrahlenden Wellen hin, die wie eine Sonne von dem Verklärten ausgeht.


   - Auf diese Verklärung deutet die farbliche Gestaltung des gesamten Fensters in seinem „enthusiasmierten Grün“ hin, mit dem er auch den frommen Juden in seinem Eingebundensein in Gott darstellte. Nun ist in diesem Fenster der verklärte Jesus auch gleichzeitig der von dem Volk umjubelte Messias beim Einzug in Jerusalem, der am Kreuz erhöhte Herr, der Auferstehende und gleichzeitig auch der in den Himmel fahrende und vom Himmel niedersteigende Christus. Chagall hat nun in seiner Gesamtschau diesen Messias mit der Schau des Propheten Jesaja verbunden, der Jes 9, 1ff sagt:

„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth."


Chagall geht so auf den Schwerpunkt protestantischer Theologie ein und braucht doch sich und seinen universalen jüdischen Glauben nicht zu verleugnen, indem er die Schau und die Erwartung des kommenden Messias darstellt, den ja auch das Judentum erwartet.

3.2.6.3. Im katholischen Bereich
Marc Chagall hat von 1976 bis zu einem Jahr vor seinem Tode, 1984, für die Stephans-Kirche in Mainz das Fenster von der Funktion des davorstehenden Altars her mit seinen ikonographischen Bildern gestaltet.

 

Klaus Mayer schreibt: „Auf dem Altar wird das Kreuzesopfer Jesu Christi und mit ihm der gekreuzigte, auferstandene und zum Vater erhöhte Herr unter sakramentalen Zeichen geheimnisvoll gegenwärtig. Deshalb steht das Kreuz auf dem Altar. Der Altar ist auch ´Tisch des Herrn´. Von ihm empfangen die Gläubigen Christus im heiligen Mahl.


Am Altar geschieht die Feier der Danksagung, in der Gott durch Jesus Christus ´alle Ehre und Verherrlichung´ wird. Vom Altar her wirkt Gott in unsere Welt hinein, sie heiligend in Jesus Christus. Der Altar, und was auf ihm geschieht, rührt an das Geheimnis Gottes, dient ausschließlich dem Gottesdienst, der Feier der ´göttlichen Geheimnisse´. Immer geht es um Gott. Gott aber ist gestaltlos, rein geistig, jeder Darstellbarkeit entzogen. Und dennoch gibt es eine Möglichkeit, Gott bei Wahrung seines Geheimnischarakters darzustellen, nämlich so, wie Gott sich selbst dargestellt hat. Zu verschiedener Zeit und in verschiedener Weise hat sich Gott Menschen geoffenbart. Dieser Möglichkeit, Gott in der Begegnung mit den Vätern darzustellen, bedient sich Marc Chagall in unserem Fenster.


Der Malerdichter erzählt uns Theophanien, die vom Geheimnis Gottes, des Gotteshauses künden, das Geschehen auf dem Altar deuten, die biblische Botschaft von Frieden und Heil verkünden.“
[25]


Marc Chagall stellt das Geheimnis des Glaubens in diesem Fenster dar, indem er die Feier des Sabbats als ständigen Neuanfang mit dem SCHOFARBLASENDEN ENGEL und den ENGEL MIT DEM SABBATLEUCHTER in der obersten Fensterrosette gestaltet. Dann sieht der träumende Jakob, wie Mose als Bote des Herrn das GESETZ und damit das Wort seinem Volk bringt.


In der FESSELUNG ISAAKS ist das Opfer dargestellt, das Abraham zu bringen bereit ist, das aber der Engel in das Opfer des Lammes umändert. Hier wird schon vorbereitend auf das Opfer Jesu hingewiesen, das dann im rechten Seitenfenster zur Darstellung kommt.
Darunter ist die FÜRBITTE gezeigt, die Abraham mit den Engeln für die Stadt Sodom darbringt.
Als unterstes Bild ist dann der BESUCH DER ENGEL bei Abraham dargestellt.
Chagall hat so die Möglichkeit, die drei Erzväter und Mose in einen Sinnzusammenhang mit den Theophanien Jahwes in den verschiedenen Formen und der Sinngebung des Altars in der Messe, der Gemeinschaft Gottes mit dem Menschen im Mahl; der Fürbitte, dem Eintreten für andere im Gebet mit Gott; dem Messopfer, in dem nach katholischer Auffassung Christus zwar einmal geopfert ist, aber „unter der Gestalt des Brotes durch Wesensverwandlung (Transsubstantiation) der Leib und unter der Gestalt des Weines das Blut des Herrn gegenwärtig“[26] ist; und dem Gesetz, das „das Gesetz des Lebens und der Einsicht“[27] ist, zu bringen.


Hineingestellt ist die ganze biblische Ikonographie in die Transzendenzfarbe Blau, die hier in der St. Stephanskirche durch die weitere blaue Gestaltung der gesamten Fenster vorherrschend ist. Durch diese blaue Gestaltung aller Fenster wird der gesamte Kirchenraum in eine spirituell-meditative Durchdringung von Raum und Zeit einbezogen. Man fühlt sich hineingenommen in das geistliche Geschehen. Man fühlt sich als Teil in der Transzendenzsphäre Gottes. Diese Raumerfahrung lässt sich allerdings in den MAQUETTEN ZU DEN KIRCHENFENSTERN VON ST. STEPHAN IN MAINZ nur erahnen.


3.3. Fazit:
Chagall hat seine Prägung durch seine jüdisch-chassidische Biographie, aber auch durch seine intensive künstlerische Auseinandersetzung mit seiner Umwelt, der Bibel, dem Glauben erhalten. Er stieß so zwangsläufig durch seine künstlerische Entwicklung auf die Darstellung biblisch-religiöser Themen. Vollard hat dieses künstlerische Potential erkannt und in einen Auftrag umgewandelt, der ein ganzes Künstlerleben weiterprägte.


Diese Prägungen wirken sich auch in der ikonographischen Darstellung der Engel in den „biblischen“ und „profanen“ Bildern aus. Dies gilt es weiter zu untersuchen, wobei der Schwerpunkt auf den biblischen Bildern der MESSAGE BIBLIQUE MARC CHAGALL liegen wird.

4. Der Ursprung der Engelsdarstellungen im Werk Chagalls
Die Engeldarstellungen Marc Chagalls haben ihren Ursprung in einem von dem Maler selbst beschriebenen Ereignis aus dem Jahre 1910. Hier beschreibt er eine aus seiner chassidischen Frömmigkeit geprägte spirituelle Erfahrung:[28]


„Es ist dunkel, plötzlich öffnet sich die Zimmerdecke, und ein geflügeltes Wesen steigt mit Getöse herunter und erfüllt das Zimmer mit Bewegungen und Wolken. Ein Rausch von schwingenden Flügeln. Ich denke: ein Engel. Ich kann die Augen nicht öffnen, es ist zu hell, zu leuchtend. Nachdem es das ganze Zimmer durchschritten hat, erhebt sich das Wesen und verschwindet durch die Spalte in der Decke. Es wird wieder dunkel. Ich erwache. Mein Bild 'Die Erscheinung' beschwört diesen Traum herauf."


Dies Bild DIE ERSCHEINUNG wurde jedoch erst 1917/18 gemalt, als Chagall von Frankreich wieder nach Witebsk zurückgekehrt war. Es hat den Anschein, als ob jene nächtliche Traumvision die Initialzündung für seine Engeldarstellungen gewesen sei. [29]

 

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Hans-Joachim Köhler, Oberpfarrer i. R. | hansjoachimkoehler@msn.com